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Silberfarbenes Objektiv einer Fotokamera in Großaufnahme
Fotoausstellungen

NEUES LAND.

Hans Berben: Fotografien 1946 bis 1949.

Mann steht Nachts vor einem Schaufenster und betrachtet die Auslage. Schwarz-Weiß-Foto

Die Gedenkstätte, das Medienzentrum und ein äußerst glücklicher Zufall

Der Düsseldorfer Journalist Hans Berben (1914–1979) ist weder unter Historikern, noch in der breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Es gibt keine Veröffentlichung zu seinen Reportagen, kein Fotobuch. Es bedurfte eines Zufalls, dass seine Bilder heute in einer Ausstellung gezeigt werden können. In der Schlussrecherche für die neue Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf wurden noch Aufnahmen der frühen Nachkriegszeit in Düsseldorf gesucht…

Ohne Ort, Datum und Beschreibung

Stellen Sie sich vor, Sie finden ein altes Fotoalbum. Die Bilder sind schwarz-weiß, aufgeklebt, aber nicht beschriftet. Der Name des Fotografen steht vorne im Album. Aber er sagt Ihnen nichts. Sie werden neugierig, denn die Bilder sind beeindruckend. So ähnlich muss man sich die Situation vorstellen, die sich 2010 den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fotoarchivs des LVR-Zentrums für Medien und Bildung darbot. Nur waren es keine eingeklebten Abzüge, sondern Negativstreifen. Doch wenn Fotos nicht nur als reine Illustration betrachtet werden sollen, benötigen sie einen Kontext. Wer hat sie gemacht? Und warum? Wer oder was ist abgebildet und wann genau wurde das Foto gemacht? Ohne diese Kontextinformationen bleiben alle Fotos stumm.

Die Negativstreifen aus dem Nachlass von Hans Berben wurden im Oktober 2010 dem Fotoarchiv des ZMB angeboten. Im November 2010 erfolgte der Ankauf des Konvoluts. Als die Negativstreifen in der Fotoabteilung bearbeitet wurden, begann die Suche nach Hinweisen in den Bildern. Nach bekannten Personen, nach Orts- oder Straßennamen, nach Datierungshilfen. Doch diese Arbeit war sehr schwierig. Mit dem Bildkonvolut waren nur sehr wenige Informationen zum Fotografen übergegeben worden: Hans Berben war Journalist und schrieb für die Zeitung »Rhein-Echo«. Er hatte persönliche Kontakte zur Düsseldorfer Künstlerszene. Er starb alleinstehend 1979 in Düsseldorf. Es gibt keine Briefe, kein Tagebuch, keine familiären Zeitzeugen, die über ihn und seine Arbeit berichten konnten. Nichts. So musste das Bildverzeichnis bei vielen Bildern im Nebulösen bleiben: Gruppenfoto von Männern…Und so lagen über 11.000 Fotos nummeriert und als geschlossenes Konvolut verzeichnet in mehreren Din A4-Ordnern fünf Jahre im Fotoarchiv des ZMB - bis zu dem Tag, als Peter Henkel für die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf nach einigen letzten Fotos vom Alltagsleben der frühen Nachkriegszeit in Düsseldorf suchte...

Die Puzzleteile fügen sich zusammen

Das Historikerteam der Mahn- und Gedenkstätte konnte durch die Sammlungsbestände, Be-richte von überlebenden Zeitzeugen und anderen Quellen viele von Hans Berben fotografier-ten Ereignisse und Personen entschlüsseln. Ein gemeinsames Projekt »Berben« wurde be-schlossen. Für diese erste Werkschau digitalisierte das Team der Fotoabteilung des ZMB sämtliche Negative. Das Team der Mahn- und Gedenkstätte sichtete daraufhin noch einmal das gesamte Konvolut und ergänzte das Findmaterial um viele inhaltliche Beschreibungen und Kontextinformationen. Jetzt erschließt sich dieser interessante und umfangreiche Foto-nachlass einer breiten Öffentlichkeit.

Was fotografierte Berben?

1946 - Die Städte sind gezeichnet von den Narben des Krieges, ihre Bewohner von den kör-perlichen und mentalen Folgen, von Wohnungsnot und Hunger. Im Alltag treffen Flüchtlinge, Displaced Persons und frühere NS-Funktionsträger aufeinander. In Düsseldorf bündeln die Briten ihre Anstrengungen für den demokratischen Neuaufbau des zukünftigen Landes Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf wird 1946 Landeshauptstadt.

Der Journalist Hans Berben ist Chronist dieser Jahre. Die Ausstellung »Neues Land. Hans Berben. Fotografien 1946 bis 1949« zeigt den bis dato unveröffentlichten Nachlass dieses fotografierenden Journalisten. Hans Berben hatte bereits in seiner Zeit als junger Soldat fotografiert. Die meisten seiner überlieferten Fotos sind aber nach seiner Rückkehr nach Düsseldorf im Jahr 1945 und seiner Einstellung als Journalist und Redakteur des »Rhein-Echos« entstanden. Berben schreibt nicht nur für seinen Arbeitgeber, sondern er hält die alltäglichen, gesellschaftlichen und politischen Realitäten und Entwicklungen der frühen Nachkriegszeit mit dem Fotoapparat fest.

So dokumentierte er den politischen Neubeginn in Ereignissen und Akteuren, er begleitete den Landtag durch seine ersten drei Tagungsorte, porträtierte viele der Abgeordneten und zeigte die großen Linien der politischen Diskussionen nach. Er begleitete auch die Menschen: auf der Straße, in Kneipen, beim Kabarett und anderen Kulturveranstaltungen. Beim Besuch der Kirmes und im Zirkus, beim Sport. Er fotografierte Kinder beim Empfang des ersten Care-Pakets, bei der Weihnachtsfeier oder vor der Fahrt in die Kindererholung. Er war mit seiner Kamera hinter der Bühne des Kom(m)ödchens bei Kay und Lore Lorentz, zuhause bei Johanna (»Mutter«) Ey oder beim Fußballtraining mit Sepp Herberger. Als Redakteur der Zeitung »Rhein-Echo« schrieb er regelmäßig in den Rubriken »Im Spiegel der Düssel« oder »Düsseldorfer Mostert« über den Alltag der Menschen.

Dabei hatte er durch berufliche und freundschaftliche Kontakte auch Einblicke in den Alltag jener, die in der NS-Zeit aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt wurden. In seinem fotografischen Nachlass finden sich seltene Einblicke in den Neuanfang der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden der Nordrheinprovinz. So war Berben 1947 mit Philipp Auerbach bei der Einweihung des Jüdischen Mahnmals im ehemaligen Kon-zentrationslager Bergen-Belsen. Mit dem Herausgeber der Gemeindezeitung Karl Marx be-suchte Berben ein Displaced Persons-Camp in Bocholt. Auch bei Veranstaltungen der Verei-nigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und der Sozialdemokraten war Berben mit seiner Kamera dabei. Er war einer der wenigen Fotografen, die die zwangsweise Unterbrin-gung von über 4.000 ehemaligen Passagieren des Flüchtlingsschiffes »Exodus« in den La-gern »Pöppendorf« und »Am Stau« in der Nähe von Lübeck dokumentierten. Das Schiff war am 18. Juli 1947 etwa 20 km vor Palästina von den Briten als illegales Einwanderungsschiff aufgebracht und nach Europa zurück geschickt worden. Am 9. September 1947 waren dann im Rahmen der britischen Operation »Oasis« die Flüchtlinge in vergitterten Waggons und von britischem Militär bewacht in die beiden DP-Camps überführt worden. Die sogenannte Exodus-Affäre war ein wichtiges Ereignis im Kontext der Gründung des Staates Israel.

Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Mühlenstraße 29
Öffnungszeiten: Di-Fr u. So 11-17 Uhr, Sa 13-17 Uhr, Mo geschlossen
Ausstellungsdauer: 23. Mai bis 18. Dezember 2016
Der Eintritt ist frei


Ihre Ansprechperson

Foto: Eva Lanzerath

Eva Lanzerath

Wissenschaftliche Referentin Fotoarchiv

Raum: 343

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